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Zugegeben – die Überschrift ist provokant. Und wenn Ihr Zahnarzt Ihnen das Versiegeln der Zähne Ihres Kindes vorschlägt, tut er das mit Sicherheit aus bestem Wissen und Gewissen. Denn unsere Fortbildungen versichern uns immer wieder, daß das Versiegeln der beste und sicherste Weg sei, Zähne möglichst lange in einem kariesfreien Zustand zu erhalten.

Ich habe vor Kurzem einen Artikel über das gesundheitliche Risiko des Versiegelns für unsere Kinder in der Zeitschrift BALANCE veröffentlicht ... Sie können den Originalartikel hier im Anschluß in optisch ansprechender Form downloaden oder als geschriebenes Dokument direkt weiterlesen.

Nutzen Sie es gegebenenfalls als Grundlage zur qualifizierten Auseinandersetzung mit Ihrem Zahnarzt auf Augenhöhe  ;-)


Das Versiegeln.pdf

Die Grundidee ist bestechend: nach Aufrauhen des Zahnes wird ein flüssiger Kunststoff auf die Kauflächen aufgetragen und mit UV-Licht gehärtet. Dadurch schließe ich winzige Oberflächenspalten des Zahnes, bevor dort die Karies beginnen kann.

Denn am Grunde der „Fissuren“, der Täler zwischen den Zahnhöckern, setzt sich die Spalte noch als haarfeiner Spalt in die Tiefe fort. Groß genug, um durch den Gegenzahn beim Zubeißen mit Speisebrei gefüllt zu werden, aber im Durchmesser kleiner als die einzelne Borste der Zahnbürste. Daher ist das Säubern dieses Spaltes mit der Zahnbürste nicht möglich. Und daher beginnt dort oftmals die erste Karies.

    Leider haben universitäre Studien im In- und Ausland bereits seit längerem Bedenken gezeigt wegen des verwendeten Kunststoffes, der durch Freisetzen von künstlichen Östrogenen Veränderungen im Hormonhaushalt der Kinder zur Folge hat.

    Diese Veränderungen betreffen allerdings erschreckenderweise nicht nur Sexualorgane, sondern auch andere Symptome wie aggressives frühkindliches Verhalten, Dicksein und Asthma der Kinder sowie Brust- und Eierstock-Krebs, Ovarialzysten,Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Potenzstörungen und Fruchtbarkeitsstörungen von Erwachsenen. Für all diese Folgen der Aufnahme von Bisphenol A (BPA) existieren internationale Studien. Skandinavische Länder haben bereits kritisch Stellung bezogen zu diesen Problemen.

    Deutsche Zahnärzte werden von zuständigen Stellen in Sicherheit gewiegt, u.a. durch Beschwichtigungen wie: Wirkungen „nicht bewiesen“ und „Konzentrationen viel zu schwach, um Wirkung zu zeigen“, „Nachweisführungen nur sehr schwer möglich“.

    Professoren der Zahnmedizin beschwichtigen uns beispielsweise mit: „ … dürfen Ergebnisse, die aus Zellmodellen ermittelt wurden, nicht überinterpretiert werden  Ihre Tauglichkeit zur Prüfung der Toxizität von Dentalmaterialien ist umstritten. Insbesondere darf aus in-vitro-Tests (= Labortests), die eine Zytotoxizität einzelner Inhaltsstoffe von Kompositen wie zum Beispiel TEGDMA ergeben, nicht der Fehlschluß gezogen werden, daß Präparate, die diese Substanzen enthalten, für die klinische Anwendung nicht geeignet wären. „

    Dem setze ich beispielsweise die Meinung von Natalie von Götz vom Institut für Chemie und Bioingenieurwissenschaft der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich entgegen, die ebenso behauptet, die Bedeutung sehr geringer Mengen der Substanz sei zumindest "unklar". "Zum Zusammenspiel der Hormone im Körper und zu hormonwirksamen Substanzen gebe es noch viele offene Fragen und einen hohen Forschungsbedarf".

    Wir niedergelassenen Zahnärzte – wie jeder Arzt - sind nicht in der Lage, die Ergebnisse von Fachfragen selbst wissenschaftlich untersucht und das Ergebnis selbst erlebt zu haben.  Wir müssen lesen oder hören … und glauben.

    Und das Geglaubte dann unseren Patienten als „richtig“ vermitteln.

    Wir werden überschwemmt mit „Studien“, die ein bestimmtes Ergebnis zeigen. Und Studien sind für uns wissenschaftliche Untersuchungen, die seriöse Ergebnisse zeigen, an denen wir unsere Meinungen orientieren und an denen wir unsere Arbeit ausrichten. Und wenn Professoren öffentlich von „nicht bewiesen“ und „Konzentrationen viel zu schwach, um Wirkung zu zeigen“, sprechen, ist es uns zunächst unmöglich, hier Industrieinteressen von interessensfreier Information zu trennen. Denn jedes Versiegelungsmaterial enthält BPA.

    Nur sind leider Studien nicht gleich Studien. Studien werden in Auftrag gegeben. Kaum ein Arzt kann Studien aus eigenem Interesse durchführen und bezahlen. Daher haben Studienergebnisse auch immer etwas mit dem Auftraggeber zu tun. Das sollten Sie wissen, wenn Ihnen mal wieder das Ergebnis einer „Studie“ präsentiert wird. Die alten Lateiner hatten dafür ein treffendes Bonmot. Frag Dich immer: „Cui bono“, zu deutsch: wem nützt dieses, wer profitiert von dieser Studie?

    Uns Zahnärzten wird in jeder betreffenden Fortbildungsveranstaltung vermittelt: Versiegeln ist unbedenklich und daher im Sinne der Zahnerhaltung unbedingt zu empfehlen. Und wenn man die Quelle für glaubwürdig hält, sagt man genau dieses auch seinen Patienten.

    Hat man aber ein gewisses Mißtrauen zur Gesundheitsindustrie behalten und scheut den Aufwand nicht, sich durch internationale Fachliteratur zu kämpfen, so ist eine der Grundsubstanzen, aus der der Versiegelungskunststoff gefertigt wird, keineswegs unbedenklich: das Bisphenol A.

    Es findet sich in vielen Gegenständen des täglichen Bedarfs: Thermopapier, CDs, Armaturen und Plastikteile im Auto, Haushaltsgegenstände, transparente Babyplastikflaschen, Babynuckler, Nahrungs- und Getränkeverpackungen. Nahrungsmittel- und Getränkedosen werden in der Regel innen mit einem BPA-haltigem Epoxidharz überzogen. In den seltensten Fällen werden die Verbraucher auf den Inhaltsstoff aufmerksam gemacht.
    
       Doch auch, wenn uns Wissenschaftler immer wieder versichern, dieser Stoff sei völlig unschädlich, ist das Mißtrauen gegen ihn mehr als 30 Jahre alt. Der Toxikologe Professor Ibrahim Chahoud betreibt mit seinem Team am Berliner Benjamin Franklin Medical Center Forschungen zu Bisphenol A. Ihre Studie in der Novemberausgabe 2002 der Fachzeitschrift Environment Health Perspectives analysiert 37 Paare und die Plazenta ihrer Neugeborenen - und kommt zu dem Schluss, dass Bisphenol A (BPA) eine Gefahr darstellen könnte.
    
       "Wie für alle hormonähnlich wirkenden Stoffe gilt hier der so genannte low dose effect", so Chahoud: Gerade bei geringer Dosierung, wie sie im Alltag vorkommt, befürchtet man Auswirkungen wie etwa seltene Krebsarten an den primären Geschlechtsteilen der Nachkommen.
    
       Hersteller wie die Bayer AG warten mit eigenen Studien auf - laut denen ist ihr Tun ungefährlich. So beruft sich Bayer auf "internationale Richtlinien", die allerdings den low dose effect noch nicht ausreichend berücksichtigen. Aber auch Nestle sieht derzeit keinen Grund, BPA zu meiden. Dabei vertreibt die Firma Getränke in Plastikflaschen, die BPA abgeben. Bei der Deutschen Gesellschaft für Kunststoff-Recycling war BPA auf Nachfrage nicht einmal bekannt - geschweige denn als Gefahrenquelle im Visier. In Brüssel ist man offenbar weiter: Inoffiziell gibt es dort schon eine Diskussion um ein BPA-Verbot.
    
       Erste konkrete Messungen zu BPA wurden in den neunziger Jahren durchgeführt. In Lösung lagen die Konzentrationen häufig in Bereichen oberhalb des gesetzlichen Limits, in Babyflaschen stiegen die Werte kontinuierlich mit der Alterung der Flaschen. Im Plazentagewebe des Menschen wurden z. B. Konzentrationen von 3-100 Mikrogramm pro kg, in Fischen, Muscheln, Schnecken, Amphibien, Möweneiern und Wildtieren von unter 10 Mikrogramm pro kg gefunden.
    
       Bis in jüngste Zeit wurde jedoch völlig ignoriert, dass 1938 - bereits 5 Jahre nach der Entdeckung der weiblichen Geschlechtshormone - östrogenähnliche Wirkungen des BPA entdeckt wurden. Hormone sind Stoffe, die von Drüsen nach innen (endokrin) abgegeben werden und Steuerungsfunktionen haben. Die Östrogene gehören dabei zu den wichtigsten: zum Beispiel können sie in der Schwangerschaft den gesamten Organismus der Mutter zum Wohle des Kindes "umprogrammieren".
    
       Der WWF legte erstmals eine umfassende Studie ("Bisphenol A: a known endocrine disruptor") vor, in der das drohende Risiko ausführlich dokumentiert wurde. Danach ging alles sehr schnell. Die Industrie verwies auf entsprechende eigene Experimente, die fast keine Effekte zeigten oder eine andere Interpretation nahe legten.
    
       Dadurch entstand eine Pattsituation: Die Gefährlichkeit des BPA wurde wissenschaftlich nicht anerkannt, die Harmlosigkeit aber ebenfalls nicht bewiesen. Eine vom Umweltbundesamt veranstaltete Tagung im November 2000 konnte dieses Dilemma ebenfalls nicht lösen. Wissenschaftler berichteten, dass sogar Föten im Mutterleib betroffen sind, da sich in der Plazenta bis zum 100 Mikrogramm BPA pro kg fänden. Der Vertreter der Industrie, Professor Herwig Hulpke von der BAYER AG, vertrat als einziger die Meinung, dass die chemische Industrie vorerst keine Konsequenzen bei Herstellung von Produkten mit BPA ziehen müsste; dies sei erst erforderlich, wenn die Gefährlichkeit von BPA eindeutig wissenschaftlich nachgewiesen wäre.
    
    Zahnärzte stehen also vor der Frage, ob sie abwarten wollen, bis die Industrie aufgrund neuerer Untersuchungen die Gefährlichkeit ihrer Produkte bestätigt oder den Versicherungen der Hersteller glauben und weiterhin Kinderzähne zu versiegeln – und damit möglicherweise tickende Zeitbombe zu installieren.

    GREENPEACE fordert im übrigen, dass wir von der Industrie verlangen sollten, die Ungefährlichkeit ihrer Produkte nachzuweisen, statt ihr mühsam zu beweisen, daß gewisse Substanzen giftig sind.